
Kurt Hahn – und warum seine Ideen heute wieder erstaunlich aktuell sind
Neun Jahre meines eigenen Lebens habe ich in Salem verbracht.
Vieles von dem, was Kurt Hahn dort vor fast hundert Jahren als Pädagogik formulierte, habe ich damals vermutlich gar nicht als solche wahrgenommen. Dienste, Verantwortung für die Gemeinschaft, Herausforderungen, die man sich vielleicht nicht selbst ausgesucht hätte – das gehörte einfach dazu. Heute, selbst Mutter und seit vielen Jahren in der Internatsberatung tätig, lese ich Hahns sieben Salemer Gesetze mit einem ganz anderen Blick.
„Gebt den Kindern Gelegenheit, sich selbst zu entdecken.“
„Lasst die Kinder Triumph und Niederlage erleben.“
„Sorgt für Zeiten der Stille.“
Und:
„Befreit die Kinder der Reichen und Einflussreichen von dem lähmenden Bewusstsein ihrer Bevorzugung.“
Sätze aus einer Welt ohne Smartphones, soziale Medien und künstliche Intelligenz. Und trotzdem habe ich beim Lesen weniger das Gefühl, in die Vergangenheit zu schauen, als erstaunlich viele Antworten auf Fragen zu finden, die Eltern heute beschäftigen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Hahns Ideen nie auf Salem beschränkt geblieben sind.
Nicht jede Schwierigkeit aus dem Weg räumen
Hahn war überzeugt davon, dass Kinder sich nicht entwickeln, wenn Erwachsene ihnen jede Niederlage ersparen. Heute würden wir vielleicht von Resilienz sprechen. Hahn formulierte es einfacher: Kinder müssen Triumph und Niederlage erleben. Das bedeutet nicht, ein Kind mit Problemen allein zu lassen. Aber es bedeutet, ihm nicht jede Anstrengung abzunehmen. Eine schlechte Note, ein verlorenes Spiel, eine Expedition, auf der es regnet, eine Aufgabe, an der man zunächst scheitert – all das kann etwas lehren, was sich schwer im Unterricht vermitteln lässt: Ich kann weitermachen. Gerade heute erscheint dieser Gedanke bemerkenswert aktuell. Vieles im Leben unserer Kinder lässt sich organisieren, optimieren oder mit wenigen Klicks lösen. Vielleicht brauchen sie deshalb umso mehr Situationen, in denen das nicht funktioniert.
Sorgt für Zeiten der Stille
Fast noch erstaunlicher finde ich Hahns vierte Forderung: „Sorgt für Zeiten der Stille.“ Hahn konnte nicht ahnen, dass Kinder einmal mit einem Gerät in der Tasche herumlaufen würden, das ihnen praktisch unbegrenzt Unterhaltung, Kommunikation und Ablenkung liefert. Und trotzdem berührt der Satz eine sehr gegenwärtige Frage: Wann ist einem Kind heute eigentlich noch langweilig? Wann wartet es einfach? Wann geht es spazieren, ohne etwas auf den Ohren zu haben? Wann muss der eigene Kopf etwas mit der entstandenen Leere anfangen? Vielleicht war Stille noch nie so schwer herzustellen – und deshalb selten so wertvoll.
Sich selbst einmal nicht in den Mittelpunkt stellen
Ein anderer Satz Hahns klingt zunächst etwas altertümlicher: „Gebt den Kindern Gelegenheit zur Selbsthingabe an die gemeinsame Sache.“ Gemeint war etwas ziemlich Konkretes. Ein junger Mensch sollte erfahren, dass nicht immer er selbst im Mittelpunkt steht. Deshalb gehörten bei Hahn Dienste für andere, Expeditionen und gemeinschaftliche Aufgaben genauso zur Bildung wie Mathematik oder Literatur.
Und diese Idee wanderte erstaunlich weit. Nach seiner Emigration aus Deutschland gründete Hahn 1934 Gordonstoun in Schottland. Später entstanden unter seinem Einfluss oder durch Pädagogen aus seinem Umfeld weitere Schulen und Bildungsbewegungen. Aus seinen Ideen entwickelte sich Outward Bound. Hahn war maßgeblich an der Gründung des Atlantic College in Wales beteiligt, aus dem später die United World Colleges hervorgingen. Auch die Entstehung des Duke of Edinburgh’s Award ist eng mit diesem pädagogischen Umfeld verbunden.
1966 kamen anlässlich von Hahns 80. Geburtstag Vertreter von acht Schulen zusammen: Salem und Gordonstoun, Aiglon in der Schweiz, Louisenlund in Deutschland, Box Hill und Battisborough in England, Anavryta in Griechenland und The Athenian School in Kalifornien. Aus diesem Kreis entstand Round Square. Heute gehören dem Netzwerk mehr als 270 Schulen in rund 50 Ländern an. Die sechs sogenannten IDEALS – Internationalism, Democracy, Environmentalism, Adventure, Leadership und Service – tragen Hahns Grundgedanken bis heute weiter. Aus einigen ziemlich einfachen Ideen über die Erziehung junger Menschen war eine internationale Bildungsbewegung geworden.
Was davon brauchen Kinder heute?
Man muss Kurt Hahn nicht in allem zustimmen. Seine Pädagogik entstand in einer anderen Zeit, und natürlich hat sich unser Verständnis von Kindern und Erziehung weiterentwickelt. Aber hinter seinen sieben Gesetzen steckt eine Vorstellung von Bildung, die erstaunlich wenig von ihrer Aktualität verloren hat. Ein Kind sollte herausfinden dürfen, wer es ist. Es sollte gewinnen und verlieren. Es sollte sich anstrengen. Es sollte Phantasie entwickeln, Verantwortung für andere übernehmen und erfahren, dass nicht immer alles um die eigenen Bedürfnisse kreist. Und es braucht offenbar etwas, das heute fast schon zum Luxus geworden ist: Momente, in denen nichts passiert. Vielleicht sehe ich Hahns Gedanken auch deshalb nicht nur als historische Pädagogik. Ich habe selbst erlebt, dass vieles von dem, was in der Schulzeit manchmal unbequem, anstrengend oder schlicht selbstverständlich erschien, erst Jahre später seinen Wert zeigt. Neun Jahre Salem haben mich geprägt. Nicht, weil dort alles richtig gemacht wurde. Sondern weil Schule dort immer mehr sein sollte als Unterricht. Fast hundert Jahre nach den Salemer Gesetzen und sechzig Jahre nach der Gründung von Round Square finde ich gerade diesen Gedanken bemerkenswert aktuell: Wir können unseren Kindern heute unglaublich viel ermöglichen. Aber wir können ihnen die Erfahrung nicht abnehmen, herauszufinden, was sie selbst daraus machen.
Ihre Janka Zöller,
Töchter & Söhne
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